Wolfgang Rihm und Per Kirkeby – Ansichten

Wenn also am Beginn von Erfindung ein alles überschattender Lichtblitz steht, ein strahlendes Dunkel ist genauso möglich, an dessen rückhaltlos angenommener Ungewißheit das Unbekannte während der Niederschrift ins Bewußtsein dringt, wenn also Frage und Antwort am Anfang des schöpferischen Prozesses aufgehoben sind, aber nicht durch Einheit ersetzt, dann können es nicht Reglements, Regeln, sein, die erfüllt sein wollen, aus deren vorgegebener Ausbaufähigkeit Kunst entsteht, sondern, dessen bin ich gewiß, es muß ein Zustand von Natur selbst sein, aus dem Kunst ins Entstehen drängt.
Wolfgang Rihm

 

Im Süden sind die Schatten schärfer und klarer. Mit ihnen läßt sich eher reden. Im Norden tanzen sie aus lauter Entzückung fegende triste Walzer. Die südlichen Schatten sind fester, treuer, sie sind, wo sie sind.
Die nordischen Schatten reißen sich los. Fragmente, die sich selbständig machen. Es ist wichtig zu erkennen, daß die Fragmentierung nicht nur aus einer Aufteilung besteht, sondern auch eine Neubildung ausmacht. Ein Glied, der Figur entrissen, ist nicht nur ein losgerissenes Glied, sondern es wird zu einer selbständigen, vollständigen Figur. Rodin hat es am deutlichsten von allen gesehen, und deshalb ist er der Urvater der modernen Skulptur. Ein losgerissener, isolierter Arm wird bei Rodin zu einer vollen ganzen Figur, die alle Charakteristika der Figur in sich vereint, auch wenn sie äußerlich noch immer ein Arm ist.
Hier unter dem Schatten des Nordens ist das leicht zu verstehen. Und deshalb ist es auch angebracht, daß Wolfgang an eine nordische Landschaft mit Septemberschatten dachte, als er sein „Schattenstück“ schrieb. Und daraus folgt auch logisch, daß es erst richtig schattig wurde, als er es aufschnitt und die Glieder zerstückelte. Das ist in Wirklichkeit beispielhaft: die Erinnerungsfarben sind für die schwere Arbeit eine angemessene Grundlage, aber erst der unerklärliche intuitive Eingriff vermag die Versprechungen des Titels einzulösen.
Per Kirkeby

 

Wobei ich (...) die Zeit nicht als die Hauptdimension von Musik zementiert wissen möchte. Der Raum ist mindestens gleichwertig - auch als fließende Kategorie - beansprucht. Auch wenn er sich sukzessiv, zeitlich bemessen mit Klang füllt und als musikalischer Raum dadurch realisiert ist, ergibt sich durch die Lesbarkeit der Harmonik oder der klanglichen Verläufe auch außerhalb ihrer realen Klangzeit eine Tiefenstruktur, eine „Perspektivik des Hörbaren“, die es erlaubt, Musik mehrdimensional in der Zeit, als eine Art Bezugsplastik zu verstehen.
Wolfgang Rihm

 

Wie Wolfgang Rihm sagte:
„Während es Stücke gibt, die ihren Anfang
erst spät erhalten, sozusagen von innen
nach außen komponiert werden“
wie eine Uhr
Ding Dong
wie der Nebel, der in der Mitte ausbricht,
Stuhl
Buch (immer aufgeschlagen)
Kanne (diesmal eine hohe)
Veronesegrün.
Per Kirkeby

 

(...) daß alles in der Verschiedenartigkeit seiner selbst und in der daraus folgenden Verschiedenartigkeit der Verbindungsmöglichkeiten aufgelöst existiert und ein absolut unhierarchischer, anarchischer Kosmos existiert. Das ist meine Kunsterfahrung.
Wolfgang Rihm

 

Der Augenblick, dem zu verweilen geboten wird, dieser Augenblick ist Synonym für Kunst. Und die Aufforderung an ihn, zu verweilen, ist die poetische Umschreibung des künstlerischen Schaffensprozesses.
Wolfgang Rihm